Der Heimwehknust

Wenn Ihr mich fragt, was mein Leben am meisten beeinflußt hat, dann sage ich Euch: es war ein kleines Stück Brot - es war

 

Der Heimwehknust.

 

Ich bin fünf und das erste Mal allein von zu Hause fort. Tante Waltraud, meine Patentante, die ich besuche, hängt am ersten Tag meines Aufenthalts ein Stück Brot an die Lampe über dem Eßtisch in der Küche , eben jenen „Heimwehknust”. Immer dann, wenn mich die Sehnsucht nach Zuhause überkommt, soll ich  hineinbeißen. Es würde helfen, das Heimweh zu bekämpfen, und ich glaube ihr und genieße diese Sicherheit. 

 

Ich habe ihn nie gebraucht.

 

Ich bin fünfzehn und fahre das erste Mal ins Ausland, nach Kopenhagen. Beim Grenzübertritt zwischen Schleswig-Holstein und Jütland stelle ich fest, daß es dort weder Stacheldraht noch Todesstreifen gibt: Zumindest nach 3 Seiten ist mein Heimatland weit offen. Eine Einladung! Und der Chor der Mittelschule singt - ich bin 16 -  an unserer Abschlußfeier „Mich brennts in meinen Reiseschuh`n”, Josef von Eichendorff...

 

Reisen bildet? Reisen erzieht.

Ich bin 49, als Rolf nach Brunei versetzt werden soll. Ein Traum? Ein Alptraum! Ich lese die ersten Reiseberichte, geografische Beschreibungen, und mir wird klar, ich würde mich dort nicht bewegen können, denn jeder Weg endet  an einer Fähre, an einem Pier. Dabei habe ich seit meiner Kindheit heillose Angst vorm Wasser. Jeder Sonntagsausflug ans Steinhuder Meer hatte mich schon Tage vorher in Panik gesetzt - drohte doch eventuell ein spontanes Übersetzen auf die Insel Wilhelmsstein.

Ich bin 52 und habe Meilen um Meilen auf Wassertaxis, Sampas, Fähren, Ruderbooten, Segelschiffen, Einbäumen und Dampfern zurückgelegt - ich kann mittlerweile rückenschwimmen, ein bißchen schnorcheln und genieße das Knattern der Wanten (?) im  Wind.

 

Reisen bildet? Reisen bringt Statisches zum Schwanken, stürzt festgefügte Meinungen, Standpunkte und Lebensanschauungen, die ich vehement vertreten habe, lange verrauchte Nächte mit heißen Diskussionen, Weltverbesserung am Couchtisch in weichen Polstermöbeln, gelernte und gelehrte Moral in Elternhaus und Schule.

Ist Demokratie wirklich die einzig seligmachende Regierungsform für alle Völker? Ist die Emanzipation die einzig erstrebenswerte Gesellschaftsform auf der Welt? Ist Frieden machbar? Ist Vielweiberei nicht verdammenswert? Brauchen die Menschen nicht den Krieg? Sollte die Völkergemeinschaft einschreiten, wenn zwei Stämme sich den Schädel einschlagen? Brauchen die Menschen Religion, eine höhere, drohende Macht, die ahnden wird, was auf Erden verbrochen wurde? Was bewirkt „Vernunft?” Ist Information wirklich alles, oder schädigt der absolute Anspruch der Journalisten  funktionierende Gemeinschaften? Was ist redlicher Journalismus? Gibt es objektiven Journalismus überhaupt?

Ich bin 56, lehne mich zurück und stelle beklommen fest: „ Ich bin nicht mehr jung genug, um alles zu wissen.” 

Aber:

Reisen verschafft mir das ungläubige Staunen vor den vor Jahrhunderten von oft unbekannten Menschen geschaffenen Kunstwerken, die größenwahnsinnige Herrscher in Auftrag gaben  - vor den in Jahrtausenden von Wind, Wetter und Erddynamik (?) geschaffenen Naturschauspielen.

Reisen - das läßt mich anbetend niederknien vor dem paßgenauen Uhrwerk Natur, in dem jedes Lebewesen mit ungeheurer Präzision seinen nutzvollen Platz zugewiesen bekommen hat. Und ich frage mich, woher die Menschen heute die Stirn nehmen einzugreifen und leichtfertig diese Wunderwerke von Mensch und Natur aufs Spiel zu setzen.  

Aber ich urteile nicht mehr.

 

Der Heimwehknust - er hängt nicht mehr an Tante Waltrauds Lampe. Vielleicht sollte ich mir einen Reiskuchen über den Eßtisch hängen, in den ich beißen könnte, wenn mich das Fernweh plagt?

Der Geruch von angeschmolzenem Teer an einem Sommertag auf dem Parkplatz eines Supermarktes, der Geruch von frischem gekochten Reis, das Geräusch eines in der Nacht über meinem Kopf hinweg ziehenden Flugzeugs, das zufällige Klingeln eines Windspiels und der Duft von Engelstrompeten in einem nächtlichen Sommergarten - das alles versetzt mir einen schmerzhaften Stich in die Magengrube und erinnert mich daran, dass ich eigentlich unterwegs sein sollte ...

 

Gleich morgen hänge ich den Reiskuchen auf.