Die Legende vom Weg zum ewigen Glück

 

Es waren einmal vor langer, langer Zeit ein Junge und ein Mädchen. Die waren sehr verliebt in einander - deshalb beschlossen sie zu heiraten. Die Familien der beiden waren sehr glücklich darüber, und die guten Wünsche aller begleiteten sie vor den Traualtar. Als sie nun in ihrem Hochzeitsstaat aus der Kirchentür traten, stand dort zwischen all den Gratulanten eine sehr alte Frau mit tief gebeugtem Rücken, die sie noch nie gesehen hatten.

Die trat auf sie zu und sprach: „Auch ich habe ein Geschenk für Euch: Wenn Ihr einmal Zeit und Not habt, lest in diesem Buch.”  Das Buch war alt, beschädigt  und abgegriffen, das junge Paar nahm das Geschenk entgegen und legte es dann zu Hause achtlos beiseite. Das alte Buch wanderte irgendwann auf den Dachboden und verstaubte dort.

 

So ging die Zeit ins Land. Der Alltag kehrte ein im Haus der jungen Eheleute. Und da gab es dann auch mal Meinungsverschiedenheiten, die zuerst noch mit sehr viel Liebe und gegenseitigem Verständnis beigelegt werden konnten. Dann aber kam der Alltag, das Misstrauen, der Egoismus, manchmal auch die Missgunst dazu, es gab immer öfter Zank und Streit. Und so ging es den jungen Leuten nach einiger Zeit nicht mehr sehr gut miteinander.  Um nicht dauernd miteinander zu streiten, sprachen sie nicht mehr miteinander, jeder ging seiner Wege - allein. Und beide waren wütend aufeinander, aber auch sehr, sehr traurig ob der verlorenen Liebe.

 

Eines Tages fand die junge Frau beim Aufräumen des Dachbodens das alte Buch wieder und blätterte darin herum. Sie konnte kaum noch etwas entziffern - aber soviel stand fest: es handelte sich um einen Plan, eine Wegbeschreibung. Sie rief ihren Mann herbei, mürrisch beugte der sich über den Text, der ihn bald auch erfasste. Beide bemühten sich nun nach Kräften, das Buch zu lesen  - und sehnsuchtsvoll beschlossen beide, den im Buch beschriebenen Weg zu suchen, denn dort am Ende der Welt sollte es ein großes Tor geben, hinter dem das ewige Glück wartete. 

 

Gleich am nächsten Morgen packten sie ihr Bündel und zogen los. Am ersten Tag ging es flott vorwärts - aber am zweiten Tag setzte ein Dauerregen ein, sodass sie lange unter einem Unterstand warten mussten. Zuerst sprachen sie nur ihren Ärger über das Unwetter aus, dann aber kamen andere Themen dazu, und nach einer gewissen Zeit konnten sie sogar miteinander lachen, wie sie es in der Zeit ihrer jungen Ehe getan hatten.

 

Nachdem der Regen aufgehört hatte, wanderten sie weiter und kamen an einen Bach, der mittlerweile zu einer reißenden Flut geworden war und nicht trockenen Fußes zu überqueren war. Mit all dem Unrat, das das Wasser heran getragen hatte, bauten sie ein behelfsmäßiges Floß. Die Frau schleppte das Holz heran, mit Weidenzweigen verband der Mann die Hölzer, so dass sie eine kleine Plattform hatten, wo sie gemeinsam sitzen konnten, dann ließen sie es zu Wasser und konnten so einige Kilometer zurücklegen. Das machte sie sehr stolz.

 

Jetzt beschlossen sie, auch des Nachts zu wandern, damit sie möglichst schnell ans Ziel ihrer Reise gelangten. Zuerst war das auch einfach, denn sie mussten über die mondhelle Heide wandern. Aber dann ging es durch einen Fichtenwald, der war so dunkel, dass es beiden angst und bange wurde, und der Mann legte beim Wandern den Arm um die Frau, um ihre Nähe zu spüren und sie zu schützen.

 

Als sie den Abhang hinuntergingen, dort wo der Wald am dichtesten stand, hörten sie auf einmal das Heulen eines Wolfs - und dann sprang der sie auch schon aus der Dunkelheit heraus an. Die gelben Augen blitzten, die Frau schrie, der Mann brüllte - und mit Stöcken schlugen sie auf das Untier ein - es war ein harter wilder Kampf, der schier endlos schien, aber zum Schluss konnten sie den Wolf doch in die Flucht schlagen.

 

Müde und abgekämpft schleppten sie sich weiter und zuweilen stützten sie einander. Zudem hatte der Wolf dem Mann eine blutende Wunde zugefügt. Als es hell wurde, untersuchte die Frau den Arm, wusch die Wunde sauber und sammelte einige Heilkräuter, die sie dann auf die Wunde band.

An diesem Tag kamen sie nicht sehr weit, denn der Mann hatte große Schmerzen. Und so wachte dann die Frau in der darauf folgenden Nacht die ganze Zeit an seinem Lager, damit er ruhen und sich erholen konnte. Sie sorgte sich sehr, aber da waren auch die Zweifel: sollte sie nicht allein weitergehen, ohne den Weggefährten? Sie hatten schon viele Tage verloren,  waren nun schon lange unterwegs, hatten sich auch einmal verlaufen. Und - wer weiß - ob er dort am Ende der Welt nicht wieder anfangen würde zu zanken und sie zu bevormunden?

 

Sollte sie nicht das Tor zum ewigen Glück für sich allein suchen?

 

Der Mann auf seinem Krankenlager war zwar schwach, aber beobachtete voll Skepsis seine Frau. Er hasste seine Hilflosigkeit - dass er so auf ihre Hilfe angewiesen war, ärgerte ihn.  Ja, sie waren beide mutlos und verzweifelt, aber letztlich wollte das keiner dem anderen eingestehen, um dem anderen die Hoffnung nicht zu nehmen.

 

Dann an einem hellen Vormittag, als sie gerade darüber sprachen, ob sie nicht vielleicht doch umkehren sollten, ob das alles nicht sinnlos sei, sahen sie am Horizont eine hohe Mauer. 

Als sie näher kamen, konnten sie die Inschrift über dem großen Tor in der Mauer lesen: „Zum ewigen Glück” stand dort in großen verschnörkelten Lettern. Sie waren am Ziel!! Und siehe: das Tor war nicht einmal verschlossen, nur angelehnt: als sie eintraten, stellten sie fest, dass die Gegenstände um sie herum sehr vertraut waren - sie waren wieder in ihrem eigenen Haus! Da auf einmal begriffen sie, dass die ganze Zeit über das Glück greifbar und ganz nahe gewesen war, aber der Alltag hatte sie blind und taub gemacht.

 

Und so lebten sie mit dieser Einsicht glücklich und einträchtig bis in ihr Ende.   

                                              

(nacherzählt von Irene Bertram)