Die Nacht, in der ich Vater wurde

 

23.34 Uhr:

Ich strecke mich gerade ganz gemütlich in meinem Bett aus, recke mich noch einmal, um dann meine gewohnte Schlafstellung einzunehmen, da sagt meine Frau leise: „Ich glaube, es geht los.“ Ich bin sofort wieder hellwach – aber klar, das ist alles ein ganz natürlicher Vorgang, da muss man keine Panik schieben.

Ich rufe die Taxizentrale an, dann ergreife ich das bereits vorbereitete Köfferchen und will auf die Straße, aber meine Frau hält mich zurück:

„Langsam, langsam. Das Taxi kommt soo schnell nun auch wieder nicht.“

 

Aber das Taxi braucht wirklich sehr, sehr lange. Als es dann endlich da ist, sage ich dem Fahrer erst einmal meine Meinung über seine Bummeligkeit. Der – natürlich türkische – Fahrer reagiert verärgert: „Es waren nur 5 Minuten, ich hatte nämlich gerade eine Fuhre zur Goethestraße, das ist doch praktisch nebenan.“ Meine Frau wendet sich beschämt ab, sie legt besänftigend ihre Hand auf meinen Arm.

Überhaupt: Warum Taxi? Meine Frau hat darauf bestanden, ich sei immer so hektisch und in diesem besonderen Fall wahrscheinlich viel zu nervös zum Fahren. Ich? Ich stehe mitten im Leben, habe einen anspruchsvollen Beruf, den ich mit Akribie lebe und sehr gut ausfülle – ich bin ein moderner, aufgeklärter Mensch und weiß, dass dieser Vorgang der natürlichste von der Welt ist.

Aber in diesem Zustand sollte man eine Frau nicht unter Druck setzen, sondern muss ihr mit sehr viel Liebe, Verständnis und Zuwendung begegnen, muss ihre unberechtigten Ängste zerstreuen – kurz, liebevoll auf sie eingehen und ihr zuhören.

 

Endlich sind wir im Krankenhaus, der Taxifahrer ist alle möglichen Umwege, die jede Menge Zeit kosteten,  gefahren, nur um noch etwas Geld herauszuschinden, das ist mir völlig klar. Aber mit Rücksicht auf meine Frau sage ich ihm diesmal nicht meine Meinung, sondern zahle stillschweigend. Aber ein Trinkgeld, nein, das bekommt er nicht, wo kommen wir denn da hin!

 

Eine sehr kompetent aussehende, sehr hübsche Schwester mit noch hübscheren Beinen nimmt meine Frau in ihre Obhut und verschwindet mit ihr hinter einer großen Flügeltür, während ich auf einem der Bänke Platz nehme. Dort sitzen einige Männer ganz unterschiedlichen Aussehens und Benehmens. Der eine stöhnt von Zeit zu Zeit sehr laut, was ich sehr ungehörig und absolut überflüssig finde. Schließlich ist eine Geburt ein ganz natürlicher Vorgang, seit Tausenden von Jahren, da ist Panik völlig unangebracht. Ein anderer verwickelt mich sofort in ein Gespräch und fragt mich, warum ich nicht mit in den Kreißsaal ginge.

Das ist mir nun etwas peinlich, denn alle meine Freunde und Kollegen waren bei der Geburt ihrer Söhne dabei – aber meine Frau hatte etwas dagegen:

„Das lassen wir lieber. Du bist so empfindsam, Du kippst womöglich noch um.“ Ich bin da absolut nicht ihrer Meinung, schließlich bin ich ein gesunder, aufgeklärter Mann, aber eine Frau in diesem Zustand soll man nicht aufregen, völlig klar.

 

0.23 Uhr:

Ich finde es – ehrlich gesagt – unmöglich, dass man mir überhaupt keine Nachricht zukommen lässt. Womöglich sind da doch Komplikationen? Oder meine Frau hat vergessen, Wesentliches in das Köfferchen zu packen? Ich gehe federnd den Gang entlang und stoße die Flügeltür auf – da, die hübsche Schwester kommt auf mich zu: „Sie wünschen?“  Ich wünsche? Ich wünsche? Was für eine blödsinnige Frage! Ich sitze hier doch nicht zum Spaß, kann meine Zeit doch sinnvoller verbringen. Da meint die Schwester (eigentlich ist sie gar nicht so hübsch, wie ich zu Anfang dachte!), ich könne nach Hause fahren, es dauere bestimmt noch einige Stunden, und man würde mich dann schon anrufen.

 

2.00 Uhr:

Der 2010er Vino Albali Reserva mit seiner feinen Barriquenote ist fast leer. Ich begreife überhaupt nicht, warum man mich nicht anruft. Ist möglicherweise das Telefon kaputt? Oder die Leitungen sind gebrochen? Bei der Telekom wundert einen ja gar nichts mehr Möglicherweise haben die im Krankenhaus aber auch gar nicht meine Nummer notiert, obwohl ich sie beim letzten Kontrolltermin meiner Frau ausdrücklich hinterlegt hatte.  Möglich wäre das durchaus, man liest ja immer wieder, wie schlampig es in den Verwaltungen der Krankenhäuser zugeht. Vielleicht sollte ich anrufen und mich vergewissern? Nach längerem Klingeln meldet sich eine verschlafene Stimme. Ist das denn die Möglichkeit? Die schlafen, während meine Frau in Qualen darnieder liegt? Ich werde etwas laut und verweise auf ihre Fürsorgepflichten und beanstande mit wohl gesetzten Worten das schäbige Verhalten. Gleich darauf werde ich etwas leiser, weil ich feststellen muss, dass ich mich verwählt habe.

 

4.11 Uhr:

Die ganze Sache kommt mir merkwürdig vor. Ein Kollege hatte mich ja schon vor diesem Krankenhaus gewarnt. Ich werde meine Frau nehmen und in ein anderes, in ein konfessionelles Krankenhaus bringen. Dort – das hört man immer wieder – ist das Personal wesentlich engagierter als in diesen staatlichen Anstalten, wo es nur darum geht, vom Steuerzahler versorgt aufs Rentendasein hinzutrödeln.

Als ich das Auto aus der Garage fahre, ecke ich mit dem Kotflügel an, aber nur ganz wenig, das kann man sicher mit einem Lackstift beheben. Außerdem lag es nur daran, dass mein stumpfsinniger Nachbar seine Karre so dicht an mein Garagentor geparkt hatte. Diese Mitmenschen, die niemals nachdenken – und mit solchen Strolchen lebt man unter einem Dach?! Ich werde das mit meiner Frau besprechen müssen, aber nicht jetzt – eine Frau in diesem Zustand sollte nicht unbedingt erregt werden.

Im Krankenhaus sitzen immer noch die stöhnenden und die redseligen Männer – keine Haltung, diese Kerle! An der Flügeltür empfängt mich wieder diese Schwester. Ich habe kaum Zeit, ihre hässlichen Beine anzusehen, da herrscht sie mich an:

„Was wollen Sie denn schon wieder hier?“ Mit fester Stimme fordere ich die Herausgabe meiner Frau. Sie gibt sich betont unverständig, rückt angewidert von mir ab, hält sich die Hand vor die Nase und sagt:

„Das ist unmöglich, wir sind mitten im Vorgang.“  Vorgang? Vorgang? Was ist das denn für eine Ausdrucksweise? Meine Frau liegt da drinnen und quält sich, kämpft eine Geburt durch, und diese Schnepfe nennt das „Vorgang“? Betont ruhig setze ich an, um ihr diesen an sich unverzeihlichen Faux pas zu erklären: „Meine Dame…“ Da macht sie mir doch die Tür vor der Nase zu!

 

6.00 Uhr:

Endlich ist der Kiosk geöffnet, und ich kann mir Zigaretten kaufen. Ich habe gar keine Ahnung, wo die Packung, die ich mir gestern Nachmittag gekauft habe, geblieben ist. Vermutlich ist sie mir aus der Seitentasche gefallen, und diese Gangster im Warteraum haben sie an sich genommen. Was sage ich – sie haben sie geklaut! Als ich mir dann eine anzünde, knurrt einer dieser Individuen ärgerlich: „Rauchen verboten.“ Obwohl ich aus dem offenen Fenster hinaus blase!

Draußen wird es langsam hell, und ich entschließe mich, ein paar Laufschritte und kleinere Fitnessübungen auf dem Parkplatz zu absolvieren. Da sehe ich auf einmal die hässliche Schwester von der Flügeltür – sie scheint wahrhaftig nach Hause zu gehen!

Das darf doch nicht wahr sein! Was ist das denn für eine Haltung, sich einfach hinweg zu stehlen, während meine Frau in Todesqualen darniederliegt? Sie geht aber leider so schnell, dass ich sie nicht mehr erreichen kann. In meinem Eifer stolpere ich über eine Unebenheit und falle hin. Also, nein, dieses Krankenhaus werde ich verklagen – solche Stolperstufen hier einzubauen. Jetzt ist meine Hose am Knie sogar noch eingerissen. Soll ich nach Hause fahren, die Hose wechseln? Aber nein, das kann ich nicht machen, ich kann meine Frau nicht ungeschützt diesen Sozial-Barbaren überlassen!

 

Als ich in den Raum mit den Dieben zurück komme, sagt einer dieser Burschen, dass nach mir gefragt wurde. Betont ruhig gehe ich auf die Flügeltür zu – es ist ja alles ein ganz natürlicher Vorgang – und werde dann zu meiner Frau gelassen.

Sie liegt da in einem sehr weißen Klinikbett, hat sehr rote Wangen und leuchtende Augen – und ich muss ihr sofort erzählen, wie furchtbar diese Nacht für mich war.

Nach meiner ausführlichen Schilderung erwähnt sie beiläufig: „Übrigens – Dein Sohn sieht aus wie Du!“

                                                                                                                                     (Irene Bertram)