Hatice

Die Winter können hart sein in Kappadokien. Besonders für kleine Mädchen in ihren dünnen Röckchen mit den braunen Pluderhosen darunter. In manchen Wintern liegt so viel Schnee, dass man Tunnel bauen muss, um von einem Wohnplatz zum anderen zu kommen. Oftmals fällt auch die Schule aus, was das kleine aufgeweckte Mädchen sehr bedauert. 8 Geschwister, aber nur sie muss der Vater immer wieder ermahnen, dass sie nicht so vorlaut sein solle. 8 Geschwister, dazu die Eltern und die Großeltern, die Magara Konut ist fast zu klein für sie alle, auch wenn die Kleine mit ihren beiden größeren Schwestern in den kalten Winternächten ganz eng zusammen kriechen und sie die Decken und Felle teilen.

Als sie dann größer ist, ist für sie die Schule sehr bald zu Ende. Der Vater nutzt das wenige Geld, um seinen jüngsten Sohn in die Schule schicken zu können. Der wird dafür sorgen, dass sie es alle einmal besser haben werden.  Hatice muss ihrer Mutter zur Hand gehen, auf die Großmutter aufpassen, die immer fortläuft und nicht heimfindet, die Ziegen hüten und die schweren Grasbündel nach Hause tragen.

Manchmal allerdings hilft ihr auch Ali, der nur 2 Jahre älter ist als sie und deren Familie genau so arm ist wie die von Hatice. Ohne sie zu fragen, taucht er eines Tages beim Vater auf und sagt ihm, dass er Hatice heiraten wird. Nun, schlecht sieht der Junge nicht aus, glutäugig, pechschwarzes Haar, die Stirnlocken fallen ihm oftmals ins Gesicht – ja, und reden kann er gut – ein richtiger Mann! Hatice ist zwar nicht gefragt worden – aber welches Mädchen wird denn schon gefragt?! Vater und Ali kommen überein, und so siedelt Hatice recht bald mit ihren wenigen Habseligkeiten und der spärlichen Mitgift hinüber zu Alis Familie.

Ali hat versprochen, dass er bald ein richtiges Haus bauen will, aus Stein, unten im Tal, aber weit genug weg vom Fluss, der im Frühjahr die Talwiesen überschwemmt. Doch der Sommer geht ins Land, und Ali findet keine Arbeit, sogar in Avanos bei den Töpfern können sie ihn nicht beschäftigen. Die jungen Eheleute müssen weiterhin in der überfüllten Wohnhöhle von Alis Eltern bleiben, und Hatice hört sich stumm und ergeben die Klagen und Beschwerden der Schwiegermutter über zwei weitere Esser an. Bei wem sollte sie sich denn auch beschweren? Weder bei Ali noch bei der Mutter: „So ist es eben. Was willst Du denn? Du bist eine Frau und hast zu gehorchen, so steht es im Koran.“ 

Dann eines Tages im Herbst kommt wieder einmal der Werber ins Dorf. Er sucht Arbeiter für den Bergbau. Die Arbeit sei schwer, aber gut bezahlt. Der Werber will nur wenig Geld für seine Vermittlung haben. Ali muss sich die Summe vom Vater leihen, der dafür zwei Ziegen verkaufen muss. Aber er weiß ja: Ali wird ihm das Geld zurückzahlen, und noch viel mehr – so machen es alle, die von hier ins gelobte Land gegangen sind. 

 

An einem frostigen düsteren Novembertag kommen Ali und Hatice in Deutschland an, irgendwo im Ruhrgebiet bekommen sie eine sehr kleine Wohnung zugewiesen. Hinterhof, Toilette auf halber Treppe. Die Zimmer so kalt, dass sich nachts Eis an den Wänden bildet. Aber die Beiden sind glücklich, sie haben jetzt etwas Eigenes – und sicher wird es nicht mehr lange dauern, bis sie wieder zurück können in ihr Dorf, mit viel Geld in der Tasche für ein eigenes Haus mit einem schattigen Garten. Hatice träumt sich Rosen und viele kleine Kinder in den Garten.

Es dauert aber noch manches Jahr, bis sie zurückkehren können. Vorerst nur für vier Wochen, auf Besuch. Aber doch mit einem eigenen Wagen, lang durch Jugoslawien, wo am Wegrand viele Autoskelette von den zahlreichen Unfällen zeugen, für die der Autoput berüchtigt ist.

 

Oh, dieses Wiedersehen im Dorf. Kurz vor dem Dorf ist eine Quelle. Emsig quillt auch im Sommer das klare Wasser in das gemauerte Becken. Dort wird der verdreckte Mercedes, den Ali billig kaufen konnte, gründlich gewaschen und poliert. Die Schwestern sind alle da, die Schwiegereltern besänftigt durch den durch das Auto sichtbaren Erfolg von Ali, er hat es geschafft – so denken sie. Berge von Essen, es wird alles aufgetischt, was man in den letzten 3 Tagen gekocht, gebraten, sauer eingelegt hat. Die Nachbarn strömen herbei, und Ali erzählt stolz von seinen Erfolgen, die schwere Arbeit im Stollen, die seinen Rücken bereits gebeugt hat, verschweigt er. Das passt nicht in eine Erfolgsstory. Hatice legt stolz die Hand auf ihren Bauch, in drei Monaten soll „das Kleine“ (natürlich ein Junge) auf die Welt kommen. Sie würde gern ihre Mutter bei sich haben, aber Ali ist unbeugsam: sie wird folgsam mit ihm zurück nach Deutschland fahren und dort in den sehr guten Krankenhäusern (so haben es ihm seine Kumpels erzählt) seinen Sohn zur Welt bringen – und nicht hier, wo ihm alles hinterwäldnerisch vorkommt.  

 

Das Kind kommt, ohne Komplikationen, die Schmerzen sind bald vergessen. Und so kommt denn auch bald das zweite – wieder ein Sohn. Mohammad – der 1. Sohn erhält den Namen des Großvaters. Der 2. Sohn, nur 13 Monate später als Mohammad geboren, heißt Kaya, diesmal durfte Hatice ausnahmsweise wählen. Die Wohnung ist nun zu klein, und Ali erhält von der Zeche ein Häuschen, das sogar einen kleinen Garten dabeihat, mitten in einer deutschen Neubausiedlung. Sofort beginnt Hatice den verwahrlosten Garten herzurichten und Gemüse zu pflanzen. Sie versucht auch, die geliebten Auberginen zu ziehen, aber in dem rauen deutschen Klima kümmern sie dahin. In einer Ecke, das hat sie bei den Deutschen gesehen, hat sie sich von Ali eine Bank ertrotzt. Dort sitzt sie, eine Handarbeit auf den Knien, Bohnen putzend, Socken stopfend, im kühlen deutschen Sommer, und sieht ihren Söhnen beim Spielen zu.

Die deutschen Nachbarn sind zuerst zurückhaltend, aber die beiden aufgeweckten Jungen erobern die Herzen im Sturm. Und die Eltern dazu – die sind ja fast wie sie, gar keine richtigen verpeilten Muselmänner, wie man es aus den alten Filmen kennt. Ali trinkt nach Feierabend in der Kneipe an der Ecke Bier, Hatice hat schon lange ihren „Hidschab“ abgelegt, auch die langen Pluderhosen gehören der Vergangenheit an. Der Lippenstift, immer in ihrer Tasche, wird eifrig benutzt. Auch wenn die deutsche Sprache schwer ist – zum alltäglichen Austausch und zum Freundschaft schließen reicht es. Und so entwickelt sich bald ein Freundeskreis, der die Kochkünste von Hatice besonders schätzt.  

 

Als die Jungen in den Kindergarten gehen können, sucht sich Hatice eine Arbeit in einer Fischfabrik. Auch als das 3. Kind – Yusuf – auf die Welt kommt, unterbricht sie ihre Arbeit nur für die Mütterzeit. Der Lohn ist wichtig für die Zukunft, Hatice möchte aber auch auf die freundlichen Arbeitskolleginnen nicht verzichten. Yusuf, der Kleinste, ist der Liebling von Nachbarin Lina, die ihn besonders verwöhnt, Schwarzer Peter mit ihm spielt und ihn auch mal in ihrem Bett schlafen lässt, wenn Ali und Hatice zu einem Tanzvergnügen gehen. Nur noch selten denken die Beiden an ihre ehemalige Heimat – und wenn, dann erinnert Hatice den Ali an die kalten Winternächte, an die Plackerei auf den steinigen Feldern, an die harten Lebensbedingungen in Kappadokien. Sie liebt das Leben in Deutschland, und Ali gewährt ihr kleine Freiheiten.

Das Zechensterben geht um, auch Ali ist davon bedroht. Aber man hat nun genug Geld beiseitegeschafft, um nach Hause zurückkehren zu können, um sich da – nein, nicht nur ein Haus – nein, man wird ein Hotel bauen – das hat sich Ali so ausgemalt. Seine ehemaligen Kameraden werden staunen über den erfolgreichen Geschäftsmann. Hatice würde gern in Deutschland bleiben, sie ahnt, dass in der Türkei das freie Leben, an das sie sich gewöhnt hat, unter der Fuchtel ihrer Schwieger-mutter, ihrer Mutter, ja sogar unter ihren Schwe-stern nicht mehr möglich sein wird und sie sich wieder den Traditionen beugen muss. Aber sie gehorcht, wie sie es gelernt hat.

 

Dann steht das Hotel – eines der ersten im Dorf – und dann kommen auch die Touristen. Ali trinkt mit ihnen Löwenmilch – sehr oft ein bisschen zu viel davon. Dann wächst er, und aus dem kleinen Türkenmann wird der gewitzte Geschäftsmann, der in Deutschland sein Glück gemacht hat. Auch unter der alten Platane in der Dorfmitte erzählt er von seinen Erfolgen in Deutschland, seine alten Freunde schauen bewundernd zu ihm auf. Das tut ihm, dem ehemals armen Hütejungen, so gut, so gut!  Hatice steigt wieder in ihre Pluderhosen, verdeckt ihr Haar mit dem Hidschab. An ihren Händen trägt sie aber viele Goldringe und goldene Armreifen, schließlich hat man es zu was gebracht, und das darf man zeigen. Manchmal, ganz heimlich, raucht sie mit einer der Touristinnen eine Zigarette und träumt sich in die alten Zeiten zurück.

 

Die Jungen übernehmen das Hotel, Ali kann jetzt die Früchte seiner Arbeit genießen: ein gutgehendes Hotel, ein Mercedes vor der Tür, 3 wohlgeratene Söhne. Er ist jetzt WER und kann sich mit den ehemals Reichen, den Land- und Mühlenbesitzern, messen. Aber so richtig gelingt ihm das nicht, seine Tage sind wertlos geworden, er weiß nichts mit sich anzufangen. Auch die Arbeit in seinem Gemüsegarten unten im Tal beim Pappelwald bringt ihm nicht die Erfüllung – und so hält er sich dann an die „Löwenmilch.“

Die Jungen erweitern die Kontakte zu den Reisegesellschaften, bieten selbst kleine Ausflüge an, Plätze, wohin die großen Reisebusse nicht fahren können. Kappadokien mit seinen Feentürmen ist zu einem beliebten Reiseziel geworden, das die „Touris“ auch auf Grund der Preiswürdigkeit schätzen. Manchmal wandert Hatice mit den Hausgästen durch das bezaubernde Taubental oder lagert mit ihnen an der blauen Quelle. Das mögen die Deutschen besonders, und wenn dann noch zu einem traditionellen Güvec-Essen in einem nächtlichen Garten, auf dem Boden sitzend – eingeladen wird, ist deren Glück vollkommen. Man fühlt sich als Freund, und nicht mehr als Fremder, als Tourist. Wer will schon Tourist sein in einem Land wie der Türkei? Man ist glücklich, wenn auf den Märkten jemand auf einen zukommt und freudestrahlend erzählt, dass er auch lange Zeit in Bochum oder Frankfurt gearbeitet habe. Arkadas! Hier sind die Türken Freunde, auch wenn man in Deutschland den Kontakt mit ihnen eher meidet.

 

Und dann muss Mohammad eines frühen Morgens nach Kayseri fahren, mit dem neuen Kleinbus  – auf dem Wege dorthin  schlingert einer der schweren mit Gemüse vollbeladenen „Trucks“ –

Das Leben bleibt eine Weile für Hatice stehen, sie verkriecht sich, geht nun auch öfter in die Moschee – worüber Ali sich lustig macht. Er ist hart, er zeigt seine Gefühle nicht – das hat er noch nie getan. Nur sein Alkoholkonsum steigt und sorgt dafür, dass er wenigstens des Nachts seine Nöte vergisst. Nur ganz heimlich weint er in Hatices Schoß, am nächsten Morgen fährt er sie wieder barsch an. Hatice versteht das und nimmt es hin. Der Kummer bringt sie fast um, aber sie muss die Kraft haben zu trösten.

Das Unglück lässt sie nicht allein. Eine ihrer Enkeltöchter leidet an Leukämie und verbringt Wochen um Wochen in Ankara im Krankenhaus. Die andere, Nesrin, ist clever und aufmüpfig, lässt es an Ehrerbietung fehlen. Weder Vater, Mutter noch Großeltern werden von ihr akzeptiert. Sie will von den guten alten Traditionen nichts mehr hören. Folgerichtig studiert sie in Istanbul, geht dort zum Demonstrieren auf den Taksim und wird fest-genommen. Großvater Ali spricht beim Bürgermeister, seinem alten Freund, vor. Mit dessen Empfehlung wird er zum Polizeipräsidenten geschickt. Zwei Wochen später meldet sich Nesrin und ist verärgert. Diese Sonderbehandlung, nein, das wollte sie nicht. Sie wollte solidarisch mit ihren Genossen sein. Und dann – Entsetzen – spricht sie sich von ihrer Familie los. Nie, nie mehr werde sie zurückkommen, man solle sie in Ruhe lassen.

 

Hatice wird müde, sie mag nicht denken. Die Gegenwart um sie herum verschwimmt, nur die früheren, die guten Zeiten bleiben ihr. Und sie spricht nur noch davon, bis ihre Söhne und Schwiegertöchter es nicht mehr hören können. Dann erzählt sie es sich selbst, redet, murmelt nachts, schlafwandelnd durchs Haus bis auf den Dachgarten, wo sie dann große Sträuße der Bougainvillea pflückt, die man extra für die Touristen gepflanzt hat und die sie dann vergisst.

 

Ali und Hatice fahren mit ihrem neuen Skoda zu Freunden nach Mustafa Pasha. Ali ist wieder der große Held, der Alleinunterhalter. Bewundernd hängen die Blicke an ihm, was für ein Mann! Sein Haupthaar ist zwar inzwischen grau, aber trinken kann der!  Ah evet! Auf dem Heimweg spät in der Nacht kommt er von der Fahrbahn ab, der Wagen überschlägt sich. Man findet den zerstörten Wagen und seine beiden Insassen erst zwei Stunden später.

Nun läuft Ali nachts nach so manchem Trinkgelage  – torkelnd durchs Haus und ruft und sucht sie, Hatice, seine Gefährtin, seine Geliebte, die ihm überall hin gefolgt ist, ehrerbietig - die sein Leben begleitet hat, ihn gehalten hat und doch nur Nichtachtung von ihm erntete.

Sie war ja schließlich nur eine Frau.

                          

(Irene Bertram 2019)