Oh Schokolade!

 

Oh Schokolade – ich liebe sie! Ob in Tafeln, in Form von Pralinés, als Umhüllung für Geleebananen, selbst umhüllt von bunten Nonpareilles – ich mag das alles! Und sie ist ja auch gesund: enthält sie doch jede Menge Spurenelemente von Kalium, Magnesium, Phosphor und Calcium. Dazu ist sie noch ein Antidepressivum: stimmungsaufhellend, karies-hemmend, blutdrucksenkend, hemmt  sogar das Schlaganfallrisiko.

 

Das mit dem Schlaganfallrisiko trifft nicht ganz zu: als ich es nämlich neulich nicht vermeiden konnte, vor den Ganzkörperspiegel zu treten, haute es mich fast um: Das soll ich sein? Das darf nicht wahr sein! Wann ist das denn passiert? Und: da  m u ß  eine Wendung ein-treten.

 

Ich kenne sogar den Verursacher meiner wallend-wabernden Hautmassen: es ist meine unstillbare Sehnsucht nach Schokolade! Sofort nehme ich alle Reste, die noch in den Küchenschränken dümpeln und übergebe sie meinem mir Angetrauten, der gemeinerweise sogar 2 Tafeln Ritter Sport innerhalb einer Stunde verdrücken kann, ohne dass sein asketisches Äußeres auch nur ein ganz klein wenig in Mitleidenschaft gezogen wird.   

 

Und dann beim REWE: ohne die Süßigkeiten-Regale – all die Choco Crossies, After Eights, Sarottis, Lindts, die Haribos und Stollwercks - nur eines kurzen Blickes zu würdigen, mar-schiere ich zielstrebig zur Kasse. Ja, ich kann das, ich bin willensstark.  Willensstark werde ich auch weiterhin sein: montags, mittwochs, freitags werde ich jetzt ins Sportstudio gehen und einen Workout hinlegen, dass meine Knochen staunen.

 

Heute ist Mittwoch. Meine Tochter ruft an und benötigt eine Kinderbespaßerin für unseren Enkel. Enkel sind wichtig. Man muss ihnen ein Großmutter-Denkmal in die Seele setzen, das stärkt sie für ihr ganzes weiteres Leben. Und das macht Spaß. Keine Frage – Sport kann ich ja auch noch abends  machen. Und so verbringen wir einen lustigen Tag mit Kneten, Mensch-ärgere-dich-nicht-spielen und Brotbacken. Abends zieht ein glücklicher Enkel heim, und ich bin so k.o. – an Sport nicht mehr zu denken.

Menschen mit solch festgezurrten Planvorgaben sind mir sowieso  zuwider. Man muß doch flexibel bleiben, das macht einen weisen Menschen aus. Und: morgen ist auch noch ein Tag.

 

Donnerstag: ein Herbsttag, „wie ich keinen sah“ – die Luft ist seidig, der Himmel tiefblau. An einem solchen der letzten Spätsommertage verkriecht man sich nicht im Haus. Ich beschließe, im Garten zu arbeiten, rupfe hier ein Unkraut, sammle abgefallene Pflaumen, fege ein wenig Laub. Welch herrlicher Tag, und wie warm es ist: ich werde mich ein wenig auf die Liege legen. Ein Genuss! Ich schaue den Schäfchenwölkchen zu … und nicke ein. Der mir Angetraute schlägt vor, den Abend in Freiluft mit einem Gläschen St. Katharinen zu be-schließen. Ein wenig plagt mich mein schlechtes Gewissen – aber schließlich muss die eheliche Zwiesprache auch gepflegt werden, das ist förderlich für jede Beziehung!

Freitag: Kopfschmerzen zum Zerspringen!. Das war wohl gesternabend ein „Katharinchen“ zu viel. Ich kann gar nicht aufstehen – und schwindlig ist mir auch. Mitleidig bringt der mir Angetraute ein Aspirin an mein Bett. An Sport überhaupt nicht zu denken! Ich werde nachher ein wenig spazieren gehen, das nehme ich mir fest vor. Aber dann ruft meine Schwester an und hat sehr viel zu erzählen. Ja, ich weiß es: sie lebt allein, ist einsam, da muß man viel erzählen. Und ich bin ihre Schwester, ich  m u ß  ihr doch zuhören. Dann rufe ich meine Tochter an, um ihr erzählen, was meine Schwester mir erzählt hat – und merkwürdigerweise ist es schon wieder Abend. Morgen bin ich wieder fit, morgen gehe ich ins Sportcenter.

Samstag: Heute öffnet das Sportcenter später, da kann ich vorher noch den Dachboden auf-räumen. Mein mir Angetrauter will mir helfen, die unnützen Sachen, die dort oben seit Jahr-zehnten lagern, in den Müllcontainer zu bringen. Da fällt die Entscheidung schwer: das alte Spinnrad hat meine Urgroßmutter betrieben, so etwas darf man nicht wegwerfen, da muß man pietätvoll sein. Ach sieh mal an: da ist ja auch das Kleid, das ich zur Hochzeit meiner besten Freundin – nein, und was ist das? Da sind ja meine Hochzeitsschuhe! Ach, diese Pfennig-absätze, kann ich darauf überhaupt noch laufen? Die Reste der Sperrholzplatten kann ich leichten Herzens entsorgen, aber da sind die gemalten Bilder der Töchter – nein, sowas kann man doch nicht…?

Darüber geraten mein Herr und Meister und ich in einen wütenden Streit. Er wisse ja gar nicht, was er hier oben solle, wenn ich nicht bereit sei, endlich mal was fort zu tun. Und überhaupt…

„Was heißt das denn?“

Ich könne ja gar nicht wegwerfen, könne mich von nichts trennen, ich kriegte mein Leben ja nicht in den Griff, ein Messi, ich schaffe es ja nicht mal, einen Wochenplan zu entwickeln und den auch durchzuhalten. Da sieht man mal wieder, was es bedeutet, wenn man offen und großherzig ist – dann bekommt man seine Vor-sätze auch noch um die Ohren gehauen. Ich bin am Boden zerstört und brauche Trost.

 

Wo ist die Schokolade?                                            

                                                                                                                                                   (Irene Bertram 2019)